Seelengeschwister

Heute Nacht hat mich ein Schmerz & Groll überkommen, ich weinte & erinnerte mich an eine alte Freundschaft.

Wir 3 kannten uns schon seit der Grundschule, wurden jedoch erst mit 14 so richtig Freunde. Bei diesen zwei Jungs habe ich mich so wohlgefühlt, sodass sie von meinen Traumatas wussten, sie mir Oreo-Schokolade am Valentinstag vor die Haustür legten als ich erzählte, dass ich wahrscheinlich alleine vor einem Film heulen werde.


Ich konnte mit ihnen über erste sexuelle Begegnungen sprechen & fühlte keinerlei Druck von beiden. Ich durfte einfach Ich sein, frei & Crazy, leicht. Auch durfte ich Flecken der Tränen auf ihren Schultern hinterlassen.


Mit einem von ihnen rauchte ich meinen ersten Joint & noch weitere. Dann als meine erste Beziehung begann, sagten sie mir, ich verändere mich. Ich wusste nicht, wie ich meine Freunde priorisieren kann, während ich in einer Beziehung bin, die mir nicht „erlaubte“, andere Freundschaften zu haben. Ich stellte diesen Partner über mich & meine eigene Autorität. 


Unsere Freundschaft endete, wir entwickelten uns in unterschiedliche Richtungen bis ich nach diesen 3 einhalb Jahren Beziehung das Gefühl hatte, ich müsse meine Jugend nachholen. 

Somit kam ich wieder in den Kontakt mit ihm, mit dem ich meinen ersten Joint rauchte. Ich fühlte mich wohl, ihn zu mir nach Hause einzuladen, meine Emotionen zu zeigen & gemeinsam nachts unterwegs zu sein.

Jedes Mal brachte er mich nach Hause, trug mich manchmal wenn ich zu viel trank. Ich habe ihm vertraut & mich auch ihm abgegeben klar… und dennoch war da eine tiefe Verbindung, die sich wie tiefe Freundschaft auf einer anderen Ebene anfühlte.

Ich fühlte mich beschützt.


Unsere Freundschaft wurde tiefer & leider rutschte auch er tiefer ab, weiter weg von sich selbst, mit den falschen Menschen unterwegs & innerlich gefangen.

Eines Abends erzählte er mir auf dem Heimweg, dass er in den Wald gehen will mit Tabletten & Alkohol, er will sein Leben beenden. Er hatte mir nicht erzählt, was genau in ihm war, was er erlebt hatte. Ich wusste, er lehnte das Leben ab & sich selbst. Er wollte nicht, dass ich ihn aufhielt, dass ich seinen Eltern Bescheid gab - ein indirekter Hilferuf.


Ich war verzweifelt Zuhause, konnte mich irgendwie nicht selbst dafür verantwortlich machen, dass dieser Mensch sein Leben loslassen will & ich nichts dagegen tue. Heute betrachtet sehe ich natürlich, dass wir das gegenseitig immer wieder gemacht haben - unsere Verantwortung & "bitte Rette mich" an den anderen abgeben. Wir waren gerade Mal 18 oder 19. So richtig ist da der Frontalkortex noch nicht ausgebildet gewesen, wir waren beide impulsiv & haben Entscheidungen aus Emotionen getroffen.


Bis heute habe ich das Gefühl, dass wir Seelengeschwister sind oder vielleicht sogar eine Seele teilen.

Ich bin also Zuhause gewesen & bin nach oben zu meiner älteren Schwester & ihrem (jetzt) Ehemann, da sie zu dieser Zeit bei uns gewohnt haben. Ich habe ihnen alles erzählt & auch meine Sorgen & sie waren entspannt, haben mir den Raum geboten den ich gebraucht habe. Sie haben mir eine neue Sichtweise gezeigt: „Wenn eine Seele sich dafür entscheidet zu gehen, dann kann da niemand mehr was machen.“ Ja, das hatte räsoniert. „Am Besten ist, dass du diese Verantwortung an die Menschen gibst, die am nächsten sind, also seine Eltern. Es ist nicht deins zu tragen & sie können dann schauen, was sie machen.“ 


Obwohl das für mich eine unangenehme Situation war, ich echt Angst hatte & 10 Mal im Kopf durchgegangen bin, wie ich diese Botschaft übermittle, bin ich zu seinen Eltern, in der Hoffnung sie sind bereits Zuhause.

Also stand ich da: „der … will sich was antun. Er ist im Wald. Wir müssen da jetzt hin.“ Die Mutter aufgebracht, der Vater eher wütend, wir alle ins Auto gestiegen, damit wir ihn gemeinsam finden können. 

Das ging auch relativ schnell & wir hatten Glück, es war noch nicht zu spät. Seine Mutter war ruhig, brauchte ihn ins Auto, ich saß still schweigend da & war einfach mit meiner Präsenz da. Ich fühlte mich ein bisschen schuldig & gleichzeitig erleichtert. 


Bei ihnen Zuhause angekommen, gab die Mutter im etwas zu trinken, sodass er wieder alles rauskotzen kann. Ich saß neben ihm auf der Mauer im Garten & entschuldigte mich, dass ich nicht anders konnte. Ich konnte nicht zu ihm hindurchdringen. Er wirkte wie im Freeze.


Seine Mutter fuhr mich nach Hause, umarmte mich, bedankte sich bei mir. 

Am nächsten Tag kam ich vorbei, brachte Nudelsalat mit & wollte das er isst. Er wollte nichts. Er lehnte jegliche Worte ab. Auch meine „ich bin so froh, dich heute zu sehen“, konnte er kaum annehmen. Er erzählte mir, dass seine Mutter bei ihm im Zimmer schlaf, weil sie ihn nicht alleine lassen wollte. Er lachte darüber & meinte „wegen dir ist das jetzt so.“ Ich spürte, dass er insgeheim dankbar über diese Aufmerksamkeit war. 


Danach hast du dich nicht mehr bei mir gemeldet. Du hast angefangen, meine Nachrichten zu ignorieren, mich nicht mehr in dein Leben zu lassen. Vielleicht war die Angst zu groß oder die Schuld oder der Schutz oder alles gleichzeitig.

Jahre vergingen & du kamst wieder auf mich zu, hast versucht das von damals mit einem Lachen wegzumachen. Ich war dir nicht böse, ich war nur glücklich, dass du lebst. Wir begannen uns wieder zu sehen, du hast mich in der Stadt besucht & bist fast an mir vorbeigelaufen, weil du mich gar nicht erkannt hattest.


Ich hatte mich verändert, du auch. Die Verbindung von damals war anders. Und ich bin dir dankbar, dass du mich nicht mehr in deine Welt reingelassen hast zu diesem Zeitpunkt, denn sie wurde immer dunkler & schwerer. 


Dann nochmal 3 Jahre später, steige ich nachts aus der Bahn & erkenne dich direkt, rufe deinen Namen, du hörst mich nicht. Und dann eine Freude, Überraschung & Schock zugleich. Wir laufen, wir reden, wir lachen. Du sagst, du willst nicht weg, dir gefällt es hier, du brauchst nicht mehr als das. Ich lache & kann es nicht verstehen, „man muss doch mal die Welt sehen“. Ich sehe dein Licht. Ich sehe das Strahlen in deinen Augen von dem Gefühl des Wiedersehens. 

Du sagst „jedes Mal, wenn ich dich alle paar Jahre sehe, dann bist du ein komplett anderer Mensch“. Ich weiß nicht so recht, ob ich es als Kompliment annehmen soll. Wir verabschieden uns, ohne Erwartungen des Wiedersehens, ohne ein Schreiben danach. Es war einfach nur dieser Moment. Ich weiß von deinem gesundheitlichen Zustand. Ich weiß von deiner inneren Welt, ich kann sie direkt sehen.


Jetzt noch manchmal wenn ich abends mit der Bahn fahre, halte ich Ausschau, ob wir uns nicht doch begegnen.

Und manchmal sehe ich, dass du meine Stories anschaust, das gibt mir Freude, weil ich dann weiß, dass du noch hier bist.

Heute Nacht war ich traurig: ich hätte dir öfter sagen sollen, wie toll du bist, wie geliebt du bist, wie wichtig du bist für diese Welt. Vielleicht waren wir wirklich mal Geschwister & deswegen habe ich dich so schmerzhaft fühlen können. 

Ich fühle mich dir trotzdem verbunden, auch wenn wir physisch gar nicht mehr verbunden sind. Und das ist okay. Wir sind okay. 


Vielleicht klingt das für dich komplett abgefahren, komplett weit weg von der Welt oder deiner Realität "was laberst du da Michelle?", aber vielleicht erinnerst du dich auch dadurch. Diese Zeit ist äußerst tief geprägt von allen Fluchtmechanismen, die wir uns angeeignet haben, um nicht zu fühlen. Heute in der Stadt habe ich so viele Obdachlose Menschen gesehen, Menschen die rumschreien weil sie glauben, sie sprechen mit jemandem, der für uns alle nicht sichtbar ist. Süchte sind das, wo wir Angst davor haben in wahrhaftiger Verbindung mit unserer Seele zu treten. Verlorene Seelen nenne ich diese Menschen.


Aber das wünsche ich dir: dass du siehst, wie wertvoll dein Leben ist. 

Ihr zwei habt mich tief geprägt. Ihr habt mir eine Seite von Jungs gezeigt, die mir bis dahin noch eher fremd war. Ihr habt mir gezeigt, dass ich willkommen bin, dass ich sicher in meiner Verletzlichkeit bin, danke euch dafür. 


Ich wünsche mir für euch, dass ihr Liebe zulassen könnt. Dass ihr euch öffnen könnt für euch selbst & das Leben. Dass ich vertraut & dass ihr euch selbst sehen könnt. Und das ihr nach Hilfe fragen könnt, wenn es wichtig ist. 


Danke für immer, für immer in meinem Herzen






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